Der Hintergrund
Alte Menschen, die gepflegt werden, sind keine kleine Randgruppe: In Deutschland sind 2,2 Millionen Menschen pflegebedürftig. Die Pflegeversicherung war nie und ist nicht in der Lage, die Pflege komplett zu finanzieren, viele alte Menschen sind auf Sozialhilfe angewiesen.
Und die Lage wird sich verschärfen, denn in 20 Jahren werden schon 3,36 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sein.
Menschlichkeit braucht Qualität
Die Einrichtungen der diakonischen Altenpflege glauben an Qualität in der Pflege. Und dies wird auch von der Politik und Gesellschaft gefordert. Viele Einrichtungen haben deshalb besondere Konzepte für demente Pflegebedürftige entwickelt.
Und immer mehr Einrichtungen bieten spezielle Angebote zur Steigerung der Lebensqualität von Schwerstkranken an und entwickeln eine neue Kultur im Umgang mit dem Tod. Im Fachjargon wird von Palliativkompetenz und Hospizkultur gesprochen.
Neue Konzepte – und dazu gehören auch zum Beispiel Hausgemeinschaften für alte Menschen – müssen finanzierbar sein. Doch zur Zeit gibt es nur eine Möglichkeit, die Pflege aufrecht zu erhalten:
Es wird an den Personalkosten gespart.
Wir denken aber, dass höhere Vergütungen notwendig sind, um die Qualität und Menschlichkeit zu gewährleisten. Es geht nicht darum, sich zu bereichern: Diakonische Einrichtungen sind gemeinnützig und arbeiten nicht gewinnorientiert, Überschüsse werden immer investiert, die Aufsichtsgremien arbeiten ehrenamtlich und selbst Leitungspersonal darf keine unangemessen hohen Vergütungen beziehen.
in Handwerker kostet 45 Euro, eine Pflegekraft nur 24,40 Euro pro Stunde.
Vielen erscheinen die Kosten in der Pflege sehr hoch. Man darf aber nicht vergessen, was sich alles hinter den Zahlen verbirgt.
Die Kosten eines Heimplatzes setzen sich aus Pflegeleistungen, Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten zusammen. Dazu gehört die Vergütung für Personal und Auszubildende, Pflegeleistungen, notwendiges Material wie zum Beispiel Einmalhandschuhe, Verwaltung, Wäscherei, Haus- und Zimmerreinigung, Energiekosten, Feste und Gemeinschaftsveranstaltungen, Haustechnik, Gartenpflege, Verpflegung, Finanzierung und Instandsetzung von Gebäuden und technischen Anlagen, Ausstattung wie zum Beispiel Lifter, Pflegebetten und Möbel.
Nur ein Bruchteil von den Kosten wird von der Pflegeversicherung abgedeckt.
Die durchschnittlichen Preise eines Pflegeheimplatzes in einer diakonischen Einrichtung in Niedersachsen sind
Pflegestufe | 0 | 1 | 2 | 3 | Härtefall |
Pflege | 750,00 € | 1.291,02 € | 1.640,55 € | 2.121,80 € | 2.401,66 € |
Unterkunft und Verpflegung | 523,53 € | 523,53 € | 523,53 € | 523,53 € | 523,53 € |
Investitionen | 480,03 € | 480,03 € | 480,03 € | 480,03 € | 480,03 € |
Gesamt | 1.753,56 € | 2.294,58 € | 2.644,11 € | 3.125,36 € | 3.125,36 € |
Zuschuss Pflegeversicherung | -0,00 € | -1.023,00 € | -1.279,00 € | -1.470,00 € | -1.750,00 € |
Eigenanteil | 1.753,56 € | 1.271,58 € | 1.365,11 € | 1.655,36 € | 1.655,36 € |
Wenn Minuten gezählt werden, zählt der Mensch nicht mehr.
Eine Pflegekraft in einem Altenheim muss im Schnitt 12 Pflegebedürftige versorgen. Die Pflegebedürftigen werden in drei Schichten betreut. Für jeden oder jede haben die Pflegerinnen und Pfleger zusammen durchschnittlich 77 Minuten täglich Zeit.
In dieser Zeit muss alles erledigt werden: Waschen, Anziehen, Bettenmachen, Toilettenbegleitung, krankenpflegerische Versorgung, Unterstützung beim Essen, Vorbereitung zum Spaziergang, Gespräche mit Angehörigen und Ärzten, Dokumentation und Dienstübergabe.
Wenn man sich überlegt, wie lang man selbst morgens zum Anziehen braucht, dann wird klar, dass für Menschlichkeit wenig Zeit bleibt.
Bekämen die Pflegeeinrichtungen in Niedersachsen Entgelte in vergleichbarer Höhe wie zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen würde sich die Zeit für die pflegebedürftigen Menschen im Durchschnitt um 70 Minuten wöchentlich erhöhen. Auch weniger Bürokratie in den Diensten und Einrichtungen würde mehr Zuwendung, Zeit und Menschlichkeit ermöglichen.
Ehrenamtliche könnten Angehörigen noch mehr helfen
Viele alte Menschen werden auch von ihren Angehörigen gepflegt. Insbesondere Menschen, die an Altersdemenz erkrankt sind, brauchen oft eine Betreuung rund um die Uhr. Die Pflegeversicherung unterstützt die pflegenden Angehörigen zwar finanziell, trotzdem ist eine Unterstützung von Ehrenamtlichen in der häuslichen Pflege unerlässlich.
Die Diakonie hat zwar ein breites Netzwerk ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, doch das kann nur greifen, wenn die Ehrenamtlichen in eine verlässliche und professionelle Struktur durch die Pflegerinnen und Pfleger eingebunden sind. Die Hauptamtlichen brauchen deshalb mehr Zeit und Möglichkeiten, ehrenamtliche Gruppen aufzubauen, zu schulen und damit eine echte Entlastung für die Angehörigen zu schaffen.
Um menschlich zu sein, muss man menschlich behandelt werden
Wer gestresst und überfordert ist, kann nicht angemessen mit Pflegebedürftigen umgehen. Die Pflegerinnen und Pfleger versuchen aus den katastrophalen Bedingungen das Beste zu machen und arbeiten oft an der Grenze der Belastbarkeit.
In den diakonischen Einrichtungen gibt es einen hohen ethischen Anspruch an den Umgang mit alten Menschen – auf der anderen Seite gibt es aber auch die gesetzlichen Vorgaben und einen hohen Kostendruck. Viele Pflegerinnen und Pfleger geben irgendwann auf. Und gleichzeitig entscheiden sich nur wenige junge Menschen für den Beruf der Pflegerin oder des Pflegers.
In Anbetracht des demografischen Wandels ist es also dringend erforderlich, den Beruf in der Pflege wieder attraktiver zu machen. Und dazu gehört auch eine faire Bezahlung für gute Arbeit. Deshalb befürwortet die Diakonie in Niedersachsen die Einführung von Mindestlöhnen in der Pflege.
